Willkommen zur blauen Stunde

  Startseite
  • Uniquea
  •Die leichteste Entscheidung
  • Fly Me To The Moon
  • Ein herrlicher Sommertag
  • Mein Freund Robbie
  • Warum warten?
  • Leichte Feder
  • Vorfrühling
  • Schalala
  • Freutag
  • L'Arc~en~Ciel
  • X-Japan
  • P O S E !!
  • Luna Sea
  • Gacktism forever!
  • Mein Freund Bob
  • Jahreszeiten
  • Ein Kuss
  • Romeo et Juliette
  • Das Gewicht einer Feder
  • Blue Room
  • Nr. 23 Kavatine
  • I love You ...
  • Erinnerung an Valentin
  • Madame Butterfly
  • Adam
  • Claire de Lune
  • Little Elvis
  • Palast der Winde
  • Glückskeks
  • Happy Birthday
  • Vom Schenken
  • Der Raucher
  • Elch & Zebra
  • Krokodil & Schlange
  • Im Nebel
  • Ozean
  • Dunkelblau
  • Schwarz
  • Abschied
  • Kissing a tear
  Kontakt
 



  Links
   Enjoy Ganesha
   Watch Dahlia_Hill
   Watch Pink Blossoms
   Himmelskind



Pictures: All rights reserved by the owners. Lyrics:Copyright © 2005-2010 All rights reserved. No part of the works on this site may be reproduced (by any means) without the written permission of its author.


http://myblog.de/uniquea

Gratis bloggen bei
myblog.de





Elch und Zebra


Dieses Mal konnte ich Albert nicht vom Bahnhof abholen.

Es dauerte eine Weile, bevor er sich dessen erinnerte, und so stand er mit seinem kleinen Leder-Köfferchen noch einige Zeit wartend auf dem Bahnsteig, sah den abfahrenden Zügen nach und rauchte seine Pfeife im Dunst des Morgennebels.

Dann ging er allein zu der Pension, in der auch ich wohnte. Den Weg kannte er, denn es war nicht sein erster Besuch in Prag. Er ging immer zu Fuß. Der Weg war nicht weit und ein Taxi schaffte es nicht halb so schnell zur Pension, wie Albert dorthin laufen konnte.

In der Pension angekommen setzte er sich erstmal in den Salon, trank einen Tee und las die Zeitung. Als ich eintrat, machte Albert sich gerade Notizen in das kleine Moleskine-Heftchen, für dessen Nachschub ich zuvor immer sorgte. Wie mir schien, machte er seine Aufzeichnungen nun mit ein wenig mehr Berechnung, als es eh schon seine Art war. Papier ist geduldig, auch heute noch - aber damals war es einfach nur selten und viel zu teuer. So kritzelte Albert in mikroskopisch dezenten Hieroglyphen, was niemand sonst zu entschlüsseln vermochte. Seine Körperhaltung war dabei die eines alten, blinden Stopfhuhns. Ich musste lachen und rief, "Albert, du wirst dir noch die Augen mit Tinte verkleben!" Er blickte auf und lächelte, die Augen zusammengekniffen und schielend, in meine Richtung.

"Ah mein Mädchen, da bist Du ja", begrüßte er mich und schaute mich durch seine fingerfettigen Brillengläser von unten nach oben an. "Möchtest Du auch einen Tee? Madame, bitte Tee für meine liebe Freundin!" Die Pensionswirtin Bertha war von der schnellen Sorte und hatte schon eine neue Kanne mit frischem Tee vorbereitet. Sie stellte das Geschirr auf den Tisch, schaute Albert direkt in seine freundlichen Augen und wünschte uns guten Durst. Albert war spritzig und fidel wie eh und je, so schien es mir und ich hatte den Eindruck, er täte alles daran, mich in meinem Empfinden zu bestärken. Auch ich hatte nicht die Absicht schwach zu werden. So schenkten wir uns vom köstlichen Tee ein und schauten gemeinsam in die Luft, nachdem ein jeder, wohlwissend, den anderen beäugt hatte.

Ich fragte Albert, was er denn diesmal Besonderes vorhabe; Theater-, oder Museenbesuche, Spaziergänge, Besuche bei Freunden und Bekannten oder mal etwas ganz Anderes?...

Er sagte, er wolle nun endlich mal mit Schlagzeugspielen anfangen und ob ich ihm behilflich sein könne, ein geeignetes Ambiente und die entsprechende Band zu besorgen, ihn einzuführen in die Gesellschaft des "Jazz"! Er wolle sich einmal den Dunst der Nacht um die Nase wehen lassen und da ich ja nun schon so lange in Prag lebte, könne ich ihm doch sicherlich, ohne das er selbst sich den Anstrengungen des nächtlichen Vergnügens allabendlich hingeben müsse, eine geeignete Bühne finden, "und ausserdem hast du die jüngeren Beine", fügte er noch an.

Es gibt nicht viele Menschen, welche die Gabe besitzen mich zu überraschen. Albert war sich dessen bewusst und spielte jedesmal wenn wir uns trafen seinen Trumpf aufs Neue aus. Es machte ihm sichtlich Spaß mich zu verblüffen und es wäre ihm wohl sehr recht gewesen, würde ich ab und an mal in Ohnmacht fallen oder ähnlich graziös anmutende weibliche Zicken zeigen. Nun, das war nicht meine Art, jedoch genossen wir beide unseren stärksten Augenblick gemeinsam. Ein Blick sagt mehr als tausend Worte, sagt man nicht zu Unrecht. Wir lachten beide aus vollem Halse. Ja, wir hatten das Leben fest in unseren Händen und es sollte mit dem Teufel zugehen, sollte einer von uns vor dem anderen die Zügel loslassen.

"Nun gut, warum nicht, ich werde sehen, was ich tun kann", antwortete ich mit einem Achselzucken und machte mir schon einen Plan. Leicht war das Ansinnen nicht zu erfüllen, denn die einschlägigen Lokale waren seit längerer Zeit wie vom Erdboden verschwunden. Den Grund kennt man. Das sollte mich damals nicht schrecken - ach, was sag' ich, es war mir ein Vergnügen, diesen Auftrag zu erfüllen!

Meine Suche dauerte ein paar Abende. Dann fand ich ein winziges Lokal, ganz versteckt hinter mehreren Hinterhöfen im Keller, aber die Musiker waren ein wenig pikiert über meine Anfrage und hatten kein Interesse an einem Neuzugang mit "wahrscheinlich praktisch keinem musikalischem Talent", wie sie meinten zu wissen. Ich verstand sie nicht. So eine Einstellung ist ganz und gar ungewöhnlich für anständige Jazzer. Aber nun, nachdem ich ihnen erfolglos ein Talent wie Mozart, nur ein wenig älter, reifer und neugieriger, anzupreisen versucht hatte und sie nicht mit sich reden liessen, zog ich ohne Erfolg wieder ab.

In der Zwischenzeit spazierte Albert tagsüber durch Prag, besah sich dieses Museum, spähte in jene Teestube. Doch jedesmal, wenn er einzutreten gedachte, bemerkte er in sich ein Gefühl der Unsicherheit aufkommen. Oftmals traurig kam er abends heim, Bertha setzte ihm einen Tee auf und er notierte seine Erlebnisse und Gedanken in sein kleines Büchlein und las sie mir vor, sobald ich von der Arbeit heim kam...

Meine Versuche Alberts Wunsch zu erfüllen blieben weitere Tage erfolglos und die Zeit lief davon, bis ich eines Tages auf merkwürdige Aktivitäten im alten Kino gegenüber aufmerksam wurde. Es war schon lange geschlossen, dem Verfall anheim gegeben und niemand schien sich zu kümmern. Aber nun zeigte ein junger Mann Interesse für das Kino, denn er besah sich das Gebäude recht intensiv. Am nächsten Abend schaute ich wieder aus dem Fenster und sah, daß jemand mit einem kleinen Lieferwagen vor dem Kino-Palast hielt, sich mit großen Kisten und übergroßen Hutschachteln abmühte, diese in das Kino schleppte und dann mit seinem Wagen in die Nacht davon fuhr. Ich war zu neugierig und konnte es kaum abwarten den nächsten Abend zu erleben. Und richtig, der nächtliche Besucher kam wieder, sah sich vorher noch mal kurz verstohlen nach rechts und links um, ging ins Kino und war verschwunden. Ich schnappte meinen Mantel und lief auf leisen Sohlen hinterher. Im Dunkeln konnte ich mich nur an seinen raschelnden Geräuschen orientieren. Bis ich ihn fand und sehen konnte was er da fummelte, verging eine Weile. Als er mit seinem Werk fertig schien, entfuhr es ihm und mir gleichzeitig, ein "Ah, das wars!"....O je! Hoffentlich hat er mich nicht bemerkt. Ich hielt den Atem an. Nein, er war zu beschäftigt und verstaute die grossen Dosen in einer Ecke, setzte sich auf den Hocker und glitt zufrieden mit den Händen über sein Werk. Dann verschwand er und auch ich lief schnell zurück in mein Zimmer.

Sollte ich Albert sofort wecken oder bis morgen warten? Nein, es war ja morgen viel zu spät! Morgen früh beendet Albert seinen Besuch! Ach du Schreck, das hatte ich fast vergessen! So blieb keine Zeit - entweder jetzt oder nie!

Ich weckte Albert aus seinen Träumen und flüsterte ihm zu, er solle sich fix anziehen und schnell den Koffer packen. Dann liefen wir beide Hand in Hand über die Strasse ins Kino, hoch die Treppen, auf den Balkon, wo das Schlagzeug stand.

Albert staunte nicht schlecht. "Mädchen, mein Mädchen, wie hast du das geschafft?"
"Ach, das war doch nichts!", strahlte ich ihn an. Welche Strafe ich dafür erhalten werde, davor graute mir schon. Aber der Augenblick war wichtiger! "Nun mach schon, setz dich, probier es aus!", hibbelte ich herum und drückte Albert auf den Hocker.

In nullkommanichts nahm Albert die Sticks auf und vollführte erstmal ein paar handliche Kunststückchen mit den Stöckern. Dann gings los. Das Spiel begann. So ein Schlagzeugsolo hatte diese Gegend ganz bestimmt noch nie erlebt. Nach der längsten Viertelstunde der Welt war alles vorbei. Albert hatte Tränen in den Augen, mir zitterten die Knie und ich hoffte, dass wir hier wieder heile herauskommen. Aber es ging alles glatt, niemand schien auch nur einen Hauch dieses Konzerts mitbekommen zu haben.

Es war noch früh am Morgen und ich brachte Albert zum Bahnhof. Der Zug nach Berlin lief gerade ein. Er stieg ein, winkte mir zu und war im Nebel der Dampflok verschwunden.

Vier Wochen später erhielt ich eine Postkarte aus New York -
"Berlin war nichts. Bin gut angekommen. Übe täglich. Dein Elch".


©ajb


02/2005





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung